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Manuel GelsenSystemisch leben

Woran glauben Sie?

Alle Menschen glauben an etwas. Und damit meine ich gerade nicht, dass viele Menschen an einen Gott glauben, oder an mehrere oder an etwas großes, für uns nicht greifbares. Sondern an einfache Zusammenhänge, mit der wir uns Teile unseres Lebens und unserer Umgebung erklären. Und diese Glaubenssätze bestimmen, wie wir denken, somit wie wir uns verhalten und damit wie wir leben. Für jeden Teil unseres Lebens besitzen wir einen Glaubenssatz, der uns die komplexe Welt erklärt.

  • Alle Menschen sind böse
  • In den Bergen komme ich zur Ruhe
  • Niemand mag mich
  • Die anderen wollen, dass es mir schlecht geht
  • Tante Ilse ist die weltbeste Kuchenbäckerin
  • usw.

Im Folgenden betrachten wir uns, wie unsere Glaubenssätze wirken, wie wir unpassende erkennen und austauschen können.

Wie wirken Glaubenssätze?

Unser Handeln, unsere Gedanken und Werte sind eng miteinander verknüpft. Vereinfacht können Sie sich folgenden Ablauf vorstellen:

Schritt für Schritt gehen wir das jetzt durch, damit Ihnen klar wird, welche Auswirkungen Ihre Überzeugungen haben. Stellen Sie sich folgendes Szenario vor:

Der fiktive Charakter Heiko spielt in einer Band als Schlagzeuger und hat heute Abend einen Auftritt. Mittags trifft er einen Bekannten, der ihm folgenden Satz überbringt „Ich kann Schlagzeuger gar nicht ausstehen (außer dich natürlich, du bist OK). Die sind alle so arrogant und eingebildet – und deren Herumgeschlage klingt wie das Bohren einer Bohrmaschine.“.

1. Neue Erklärung für die Realität taucht auf

Neue Konstrukte können entweder von innen oder von außen kommen. Es kann sein, dass Sie in Ihrer Umwelt etwas neues wahrnehmen und deswegen eine Erklärung dafür suchen. Oder das Gegenteil: Eine andere Person versucht Ihnen eine Überzeugung zu vermitteln.

Bei Heiko kam das Konstrukt von außen von dem Bekannten. In diesem Fall kann dieses Heikos Selbstwert stark mindern, deshalb muss er starke eigene Überzeugungen haben, um diese abzuwehren.

Es ist nicht zwangsläufig negativ, wenn Überzeugungen von außen kommen. Wenn Sie sich mit jemanden unterhalten oder flirten versuchen Sie natürlich auch eine Botschaft zu übermitteln („Ich bin sehr nett“, „Ich möchte dich als Partner haben“, usw.) Wenn beide davon profitieren, ist dagegen nichts einzuwenden.

Nur kommen diese Konstrukte nicht nur von Menschen, die nur das Beste für uns wollen. Sondern auch von Menschen, die etwas wollen. In der Werbung zum Beispiel sind diese Konstrukte perfektioniert. „Wenn du dieses Parfum kaufst, spürst du die vollkommene Natur wie bei einem Waldspaziergang“. Entziehen kann man sich den äußeren Einflüssen nicht. Dazu müsste man schwerelos im Weltall schweben, abgekapselt von jedem anderen Lebewesen. Wir können nur lernen, schnell zu erkennen, wenn jemand uns von etwas überzeugen möchte. (Ich vermeide hier den Begriff „manipulieren“, da dieser stark negativ verwendet wird. Nur weil andere Menschen ihre Ansichten mit uns teilen- und uns von etwas überzeugen wollen, ist das noch lange nichts negatives.)

2. Erwartungen werden angepasst

Wenn Sie mit einer neuen Erklärung für die Realität konfrontiert werden, vergleichen Sie diese erst einmal mit Ihren derzeitigen Überzeugungen, es entstehen Gedanken und innere Bilder, um das zu einzuordnen. Wenn diese gar nicht in Ihre Lebenswelt passt, werden Sie diese Erklärung ablehnen. Falls Sie jedoch denken, dass da etwas dran sein könnte, suchen Sie Ihre Erfahrungen und Ihre Umgebungen ab, mit Fokus auf Beweise, welche diese Erklärung möglicherweise bestätigen.

In die Welt von Heiko passt das Konstrukt erst einmal nicht herein, er empfindet Schlagzeug nicht als Lärm und empfindet sich nicht als Arrogant und eingebildet. Die Botschaft und das Bild der arroganten Schlagzeuger ist jedoch hängen geblieben. Das innere Bild eines arroganten Menschen ist in ihm präsent, wenn er an Schlagzeug denkt. Dieser verhält sich unfreundlich gegenüber anderen Menschen und viele wenden sich von ihm wegen dem Verhalten ab

3. Empfindungen werden ausgelöst

Innere Bilder lassen oft Gefühle entstehen. Und die Körpersprache passt sich den inneren Bildern an. Wenn Sie Gedanken haben, die ihnen Angst machen, werden Sie vermutlich auch verkrampfen und erstarren oder leichte Panik bekommen, so als ob die Bedrohung wirklich da wäre. Obwohl außen in der Umgebung keine Auslöser für diese Gefühle und Regungen vorhanden sind, hat sich Ihr Unterbewusstsein auf eine solche Situation eingestellt.

Bei den Gedanken an arrogante Menschen wird eine leichte Angst bei ihm ausgelöst, da seine größte Sorge wäre, dass durch rücksichtsloses Verhalten die Menschen sich abwenden. Und da Schlagzeuger arrogant sind, steigt seine Angst, dass sich die Menschen von ihm abwenden, während eines Konzertes. Dazwischen legen sich Anfangs noch die Entgegengesetzte Gedanken „Das ist doch quatsch, als Schlagzeuger ist man nicht arrogant“. Doch es entsteht eine Gedankenspirale, in dem immer wieder das buhende Publikum zu sehen ist, weil er sich arrogant verhalten hat.

4. Erfahrungen werden gemacht

Jetzt werden mit dem neuen Gedankenmuster die ersten Erfahrungen gemacht. Die Gefühle und Gedanken verändern jetzt auch die Wahrnehmung und das Verhalten. Die Ereignisse werden jedoch nicht neutral interpretiert, sondern so, dass diese auch zu dem Gedankenmuster passen.

Falls jedoch das Wahrgenommene gar nicht mit den Gedanken zusammen passt, entsteht eine kognitive Dissonanz. Das heißt, Gedanken und Wahrnehmung passen nicht zusammen, was Unbehagen auslöst. Daraufhin gibt es zwei Möglichkeiten:

  1. Das Gedankenmuster wird angepasst, da es nicht der Wahrnehmung entsprochen hat. In dem Fall würde Heiko vielleicht sagen „Alles ist super gelaufen, warum habe ich mich von meinem Bekannten heute Mittag so hereinstressen lassen mit seinen Meinungen
  2. Das Wahrgenommene wird anders bewertet und andere Aspekte werden nun betrachtet, damit es zum Gedankenmuster passt. Hier würde Heiko nun vermehrt auf die Reaktion des Publikums schauen. Jedes Gähnen oder nicht-reaktion wird als Beleg gesehen, dass er arrogant ist und deswegen mögen ihn die Leute nicht
  3. Die Wahrnehmung wird in Frage gestellt, da das Gedankenmuster als korrekt angesehen wird. Dadurch wird die Wahrnehmung durch eigene Aspekte erweitert, damit es zum Gedankenmuster passt. Hier hätte Heiko eindeutig gesehen, dass die Person vorne ihn grimmig angeschaut hat. Und das muss eindeutig sein, da er arrogant ist

5. / 1. Die Erklärung verfestigt sich

Aus der Erfahrung werden nun die Rückschlüsse gezogen, dass die Theorie richtig sein muss. Das heißt, das Verhalten war gerechtfertigt, genauso wie die Emotionen, usw. Jetzt fängt der Kreislauf wieder von vorne an, nur etwas intensiver, da sich der Glaubenssatz etwas festgesetzt hat.

Heiko hat den grimmigen Mann ganz vorne gesehen – das lässt die Gedankenspirale weiter kreisen, dass er arrogant sei und ihn deshalb die Menschen nicht mögen. Das nächste mal wird die Angst noch größer, die Meinung verfestigt sich weiter, usw. im schlimmsten Fall hört Heiko das Musizieren auf, da er das mit Arroganz und dadurch alleine gelassen werden verbindet.

An was wollen Sie glauben?

Das Beispiel gerade klang sehr dramatisch, als ob man machtlos sei gegen diese etwas zu tun. Das ist natürlich falsch. Sie können entscheiden, woran Sie glauben wollen. Dieser Teufelskreislauf konnte nur stattfinden, da Heiko dieses Konstrukt des Bekannten widerwillig akzeptiert hat. Hätte er von Anfang an die Einstellung gehabt „Das ist nur die Einstellung meines Bekannten, ich kann Schagzeug spielen und trotzdem ein netter Mensch sein“, hätte der Kreislauf gar nicht erst angefangen.

Heiko hätte auch dieses Konstrukt das Bekannten bewerten- und dann ablehnen können, da er derzeit ein besseres hat: „Menschen mögen meine Musik„.

Folgender Ablauf hätte dann stattgefunden:

  1. Überzeugungen Das Konstrukt des Bekannten hätte mit dem Satz „Menschen mögen meine Musik“ konkurriert, wobei das derzeit bestehende viel mehr verankert ist und positivere Auswirkungen auf Heiko hat
  2. Erwartungen Das Bild des Lärms und der Arroganz passt nicht in seine derzeitigen Erfahrungen, deswegen wird dieses Konstrukt abgewiesen
  3. Empfindungen Eventuell macht es Heiko wütend, da das nicht mit seinem Weltbild übereinstimmt und ihm das auch keine Vorteile bringt, sondern nur eine Reduktion des Selbstwerts
  4. Erfahrungen Das Konstrukt des Bekannten konnte nicht Fuß fassen, eventuell wurde sogar das Konstrukt „Menschen mögen meine Musik“ verstärkt, da diese Bilder wieder hervorgerufen wurden. Die Erfahrungen bestätigen das Konstrukt nicht, deswegen wird dieses Konstrukt abgewertet.

Wer darf entscheiden, an was Sie glauben wollen? Natürlich Sie. Niemand anderes. Eventuell haben andere Personen gute Gründe, Ihnen neue Überzeugungen mitzugeben, bzw. bestehende anzupassen. Dann können Sie wenn Sie wollen auch Ihr Weltbild dementsprechend anpassen.

Anstatt „Niemand mag mich“ könnten Sie zum Beispiel ab jetzt sagen „Andere können es mir oft nicht zeigen, dass sie mich mögen“.

Glaubenssätze existieren auch auf globaler, politischer Ebene. Ich höre zum Beispiel oft bei den ganzen Krisen zur Zeit den Glaubenssatz „Die Menschheit ist zu dumm, um unsere ganzen Krisen zu meistern„. Es ist auch nicht schwer, viele Beispiele für dieses Konstrukt zu finden. Nur leider führt dieser zu Angst, Verzweiflung und Resignation und der Blick in eine bessere Zukunft ist dadurch nicht möglich.

Dieser Glaubenssatz auch keine absolute Wahrheit („Aber das ist doch wirklich so“), sondern nur eine mögliche Perspektive, mit der sich alle Zusammenhänge erklären lassen können. Sie könnten auch für den gleichen Zustand einen neutraleren Glaubenssatz verwenden: „Die Menschheit steht vor vielen sehr großen Herausforderungen„. Das ändert erst einmal nichts an dem, was gerade passiert – allerdings lässt dieser Blick eine Möglichkeit für eine positive Zukunft.

Fazit

Ihr Weltbild ist frei formbar, da dieses nur eine Erklärung auf Ihre Wahrnehmung ist. Und je nach Betrachtungsweise hat das Auswirkungen auf Ihre Entscheidungen und Ihr Verhalten. Es gibt Weltbilder, die hemmen Sie und sorgen dafür, dass Sie eher wenig tun. Und es gibt andere, mit denen Sie ins Handeln kommen. Sie können entscheiden, was Ihr Weltbild ist.

Und es gibt eine Reihenfolge: Erst kommt die Wahrnehmung, dann das Ihr Konstrukt. Das heißt, wenn Sie ein Weltbild haben und Ihre Wahrnehmung passt gar nicht dazu, dann verwerfen Sie Ihr Konstrukt und überlegen sich ein neues. Versuchen Sie nicht, Ihre Wahrnehmung auf Biegen und Brechen anzupassen und Sachen hinein zu interpretieren, nur damit das Konstrukt bestehen bleiben kann.

Wenn Sie fest überzeugt sind, dass es Drachenmenschen gibt, Sie in der Realität jedoch keine sehen – dann verwerfen Sie diese These, bzw. passen diese an, bis diese mit der Realität vereinbar ist. Wahrnehmung kommt vor Konstrukt. Ansonsten: Passen Sie ihre Konstrukte so an, dass diese gut für Sie sind. Wie das geht, erfahren Sie im nächsten Blogpost.

Von Manuel Gelsen, 26.11.2023
Zuletzt modifiziert: 10.7.2024

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Bitte beachten Sie, dass die Beiträge nur meine Sichtweise wiederspiegeln und ich keine Wissenschaftliche Korrektheit garantieren kann.
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Meine Beiträge und Beratungen sind keine Ersatzleistung für medizinische, psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlungen. Wenn Sie unter schwerwiegenden psychischen oder emotionalen Problemen leiden, empfehle ich Ihnen dringend, dass Sie sich an einen qualifizierten Therapeuten, Psychiater oder Arzt wenden.

Ich bin Systemischer Berater, mit (noch nicht abgeschlossener) Weiterbildung zum Systemischen Familientherapeuten. Somit bin ich nicht als Psychologischer Psychotherapeut, Arzt oder Psychiater ausgebildet.
Deshalb stehen in meinen Beratungen keine psychischen Krankheiten im Fokus. Ich betrachte Sie als Mensch, bei dem Krankheiten zwar vorkommen und Auswirkungen haben können, aber Ihr Leben ist mehr als nur Ihre Krankheit. Ihre Gefühle, Familie, Freunde, Umgebung, Bewältigungsstrategien, etc. – all das wirkt sich auf Sie aus. Der Fokus liegt also auf Ihnen als Ganzes und nicht nur auf einem bestimmten Aspekt Ihres Lebens.

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